ERP-GrundlagenZuletzt geprüft: 2026-07-30

Best-of-Breed

Best-of-Breed bezeichnet eine IT-Strategie, bei der Unternehmen für jeden Aufgabenbereich die jeweils beste Speziallösung wählen und diese über Schnittstellen zu einer Gesamtlandschaft verbinden – statt eine einzige integrierte Suite einzusetzen.

Best-of-Breed („der Beste seiner Art") ist ein Ansatz beim Aufbau der Unternehmens-IT, bei dem für jeden fachlichen Bereich – etwa Warenwirtschaft, Buchhaltung, Lagerverwaltung, CRM oder Onlineshop – gezielt die jeweils leistungsfähigste Speziallösung ausgewählt wird. Diese einzelnen Systeme werden anschließend über Schnittstellen so miteinander verbunden, dass Daten zwischen ihnen fließen und ein durchgängiger Prozess entsteht. Das Gegenteil ist die integrierte Suite, bei der ein einziger Anbieter möglichst viele Funktionen aus einer Hand liefert.

Der Grundgedanke: Kein Hersteller ist in allen Disziplinen gleich stark. Wer in jedem Teilbereich das spezialisierte Werkzeug einsetzt, erhält an jeder Stelle die maximale funktionale Tiefe. Der Preis dafür ist Integrationsaufwand – die Systeme müssen technisch und organisatorisch zusammenspielen. Best-of-Breed ist damit kein Produkt, sondern eine Architektur- und Beschaffungsstrategie, die bei der ERP-Auswahl grundlegend gegen den Suite-Ansatz abgewogen wird.

Auf einen Blick

  • Für jeden Bereich die beste Speziallösung statt eine Alles-in-einem-Suite
  • Einzelsysteme werden über Schnittstellen (APIs, Middleware) verbunden
  • Vorteil: maximale funktionale Tiefe und Flexibilität pro Fachbereich
  • Nachteil: höherer Integrations-, Wartungs- und Koordinationsaufwand
  • Gegenmodell zur integrierten ERP-Suite; Mischformen sind üblich

Wie funktioniert ein Best-of-Breed-Ansatz?

Beim Best-of-Breed-Ansatz setzt sich die IT-Landschaft aus mehreren eigenständigen Systemen zusammen, die jeweils eine Domäne besonders gut abdecken. Typisch ist eine Kombination aus einem schlanken ERP für Warenwirtschaft und Auftragsabwicklung, einer spezialisierten Finanzbuchhaltung, einem eigenen Lagerverwaltungssystem (WMS), einem CRM für den Vertrieb und einer Shop- oder Marktplatzanbindung für den Verkauf. Jedes dieser Systeme kann vom stärksten Anbieter seiner Kategorie stammen.

Damit daraus ein zusammenhängender Prozess wird, müssen die Systeme Daten austauschen: Ein neuer Auftrag im Shop erzeugt einen Vorgang im ERP, das wiederum den Kommissionierauftrag an das WMS und die Rechnung an die Buchhaltung übergibt. Dieser Datenfluss läuft über Schnittstellen – meist über eine API, oft ergänzt durch eine Middleware oder eine iPaaS-Plattform, die als Vermittler zwischen den Systemen steht, Datenformate übersetzt und Prozesse orchestriert.

Die Rolle von Schnittstellen und Middleware

Schnittstellen sind das Rückgrat jeder Best-of-Breed-Architektur. Über eine API stellen die Systeme ihre Funktionen und Daten maschinenlesbar bereit, sodass andere Programme Aufträge, Artikel oder Bestände lesen und schreiben können. Bei vielen beteiligten Systemen empfiehlt sich statt zahlreicher Punkt-zu-Punkt-Verbindungen eine zentrale Middleware, die alle Anbindungen bündelt. Sie reduziert die Zahl der Kopplungen, macht Datenflüsse nachvollziehbar und erleichtert den späteren Austausch einzelner Bausteine.

Best-of-Breed vs. ERP-Suite

Die zentrale Abgrenzung verläuft zwischen Best-of-Breed und der integrierten ERP-Suite. Eine Suite deckt viele Funktionen – Warenwirtschaft, Finanzen, CRM, Produktion – in einem einzigen System mit gemeinsamer Datenbasis ab. Alle Daten liegen konsistent an einer Stelle, Prozesse sind vorintegriert, und es gibt einen Verantwortlichen für das Gesamtsystem. Der Preis ist, dass einzelne Funktionsbereiche fachlich weniger tief sein können als eine hochspezialisierte Einzellösung.

Best-of-Breed dreht diese Abwägung um: mehr funktionale Tiefe je Bereich, dafür verteilte Verantwortung und der Aufwand, die Teile zu integrieren und synchron zu halten. In der Praxis sind die Grenzen fließend – viele Unternehmen fahren einen hybriden Kurs: eine ERP-Suite als stabiler Kern, ergänzt um wenige spezialisierte Best-of-Breed-Systeme dort, wo der Standard nicht ausreicht. Diese Kombination verbindet die Datenkonsistenz der Suite mit der Spezialisierung einzelner Speziallösungen.

Vorteile und Nachteile im Überblick

Für Best-of-Breed sprechen maximale funktionale Tiefe, hohe Flexibilität beim Austausch einzelner Systeme und geringere Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter. Dagegen stehen ein höherer Integrations- und Wartungsaufwand, mögliche Datenredundanzen und Synchronisationsfehler, mehrere Ansprechpartner im Störungsfall sowie in Summe oft höhere Betriebskosten. Welche Seite überwiegt, hängt von Prozesskomplexität, IT-Ressourcen und der Bereitschaft ab, Schnittstellen dauerhaft zu pflegen.

Warum Best-of-Breed für viele Unternehmen relevant ist

Best-of-Breed hat mit dem Wachstum spezialisierter Cloud-Dienste stark an Bedeutung gewonnen. Gerade im E-Commerce und Multichannel-Handel reichen die Standardfunktionen einer Suite häufig nicht aus: Für Marktplatzanbindung, Versandabwicklung, Produktdatenmanagement oder automatisiertes Marketing gibt es hochspezialisierte Werkzeuge, die einem Alleskönner in Tiefe und Geschwindigkeit überlegen sind. Wer im Wettbewerb an einer bestimmten Stelle führend sein will, greift dort gezielt zur besten Speziallösung.

Hinzu kommt, dass moderne Systeme über offene APIs verfügen und Integrationsplattformen die Kopplung deutlich vereinfacht haben. Anbindungen, die früher aufwendige Individualentwicklung erforderten, sind heute oft als fertige Konnektoren verfügbar. Dadurch sinkt die Einstiegshürde für Best-of-Breed – die grundsätzliche Abwägung zwischen Integrationstiefe und Spezialisierung bleibt jedoch bestehen und muss je Unternehmen neu getroffen werden.

Best-of-Breed im ERP-Kontext

Im ERP-Umfeld beschreibt Best-of-Breed die Entscheidung, das ERP bewusst schlank zu halten und Randbereiche an Spezialsysteme auszulagern, statt jedes Modul beim ERP-Anbieter zu beziehen. Das ERP übernimmt dann die zentrale Rolle als Datendrehscheibe für Stammdaten und Bewegungsdaten – Artikel, Kunden, Aufträge und Bestände – während umliegende Systeme wie WMS, Shop, CRM oder Fibu an dieses Zentrum andocken. Sauber definierte Verantwortlichkeiten für jeden Datensatz sind dabei entscheidend, damit keine widersprüchlichen Datenstände entstehen.

Eine verwandte Variante ist der Zwei-Tier-Ansatz, bei dem Konzernzentrale und Tochtergesellschaften unterschiedliche, aufeinander abgestimmte Systeme nutzen. Auch das ist im weiteren Sinne Best-of-Breed auf Ebene ganzer ERP-Systeme. Für die Bewertung einer solchen Architektur ist die TCO-Betrachtung unverzichtbar: Lizenz- und Betriebskosten mehrerer Systeme plus laufende Schnittstellenpflege müssen dem funktionalen Mehrwert gegenübergestellt werden.

DACH-Besonderheiten und Praxis

Im DACH-Raum spielt bei Best-of-Breed die Compliance eine besondere Rolle. Verteilt sich die Buchhaltung über mehrere Systeme, müssen alle steuerlich relevanten Daten dennoch GoBD-konform, unveränderbar und nachvollziehbar archiviert werden. Häufig ist ein spezialisiertes Buchhaltungssystem – etwa mit direkter DATEV-Anbindung für die Zusammenarbeit mit dem Steuerberater – genau der Grund, warum Unternehmen im DACH-Raum die Finanzbuchhaltung aus dem ERP herauslösen und als Best-of-Breed-Baustein betreiben.

Praktisch heißt Best-of-Breed daher, den Datenfluss über alle Systeme hinweg lückenlos zu dokumentieren und die Verantwortung für jeden Prozessschritt klar zuzuordnen. Je mehr Systeme beteiligt sind, desto wichtiger werden ein sauberes Stammdatenkonzept, klare Schnittstellenverträge und ein Monitoring, das fehlgeschlagene Übertragungen sofort sichtbar macht.

Praxisbeispiel

Praxisbeispiel: Onlinehändler baut eine Best-of-Breed-Landschaft

Ein wachsender E-Commerce-Händler mit rund 40 Mitarbeitenden verkauft über einen eigenen Shop und mehrere Marktplätze. Statt einer einzigen Suite kombiniert das Unternehmen bewusst Speziallösungen: ein schlankes ERP für Warenwirtschaft und Auftragsabwicklung, ein separates WMS für die automatisierte Kommissionierung im Lager, ein PIM für Produktdaten und eine spezialisierte Finanzbuchhaltung mit DATEV-Export für den Steuerberater.

Verbunden werden die Systeme über eine Middleware: Eine Bestellung im Shop landet im ERP, das den Lagerauftrag an das WMS und die Rechnungsdaten an die Buchhaltung übergibt. So erhält jeder Bereich das beste Werkzeug – das Lager arbeitet mit einem echten WMS statt mit ERP-Standardfunktionen. Der Preis dafür ist die laufende Pflege der Schnittstellen, weshalb das Unternehmen die Gesamtkosten regelmäßig in einer TCO-Rechnung überprüft.

Häufige Fragen

Best-of-Breed bedeutet, für jeden Aufgabenbereich die jeweils beste Speziallösung zu wählen und diese Systeme über Schnittstellen zu verbinden – statt eine einzige Software für alles einzusetzen. So erhält jeder Bereich maximale funktionale Tiefe, auf Kosten von mehr Integrationsaufwand.
Eine ERP-Suite deckt viele Funktionen in einem System mit gemeinsamer Datenbasis ab – integriert, aber je Bereich weniger tief. Best-of-Breed kombiniert mehrere spezialisierte Einzelsysteme, die tiefer, aber aufwendiger zu integrieren sind. Viele Unternehmen wählen eine hybride Mischung aus beidem.
Hauptnachteile sind der höhere Integrations- und Wartungsaufwand, mögliche Datenredundanzen und Synchronisationsfehler, mehrere Ansprechpartner bei Störungen sowie oft höhere Gesamtbetriebskosten. Je mehr Systeme beteiligt sind, desto wichtiger werden stabile Schnittstellen und ein klares Stammdatenkonzept.
Der Ansatz eignet sich für Unternehmen mit besonderen Anforderungen in einzelnen Bereichen – etwa komplexer Logistik oder anspruchsvollem Multichannel-Vertrieb – und mit ausreichenden IT-Ressourcen für die Schnittstellenpflege. Wer möglichst wenig Aufwand und eine einheitliche Datenbasis will, fährt mit einer Suite oft besser.

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