Primärbedarf
Der Primärbedarf ist der Bedarf an verkaufsfähigen Erzeugnissen – also Endprodukten, Handelswaren und verkäuflichen Ersatzteilen – für einen bestimmten Planungszeitraum. Er ergibt sich aus Kundenaufträgen und Absatzprognosen und bildet den Ausgangspunkt der gesamten Bedarfs- und Materialplanung.
Der Primärbedarf ist der Bedarf an verkaufsfähigen Erzeugnissen eines Unternehmens – an Endprodukten, Handelswaren und als Ersatzteil verkäuflichen Baugruppen – bezogen auf einen definierten Planungszeitraum, meist eine Periode wie Woche oder Monat. Er beschreibt, was das Unternehmen am Markt absetzen will, und ist damit die oberste Bedarfsart in der klassischen Bedarfsermittlung. Aus ihm werden alle nachgelagerten Bedarfe abgeleitet: Ohne Primärbedarf gibt es keinen Anlass zu produzieren oder zu beschaffen.
Der Primärbedarf speist sich aus zwei Quellen: aus konkreten, bereits vorliegenden Kundenaufträgen und aus der Absatzprognose für erwarteten, aber noch nicht bestellten Absatz. In der Fertigung wird der Primärbedarf im sogenannten Produktionsprogramm festgehalten, das festlegt, welche Endprodukte in welcher Menge zu welchem Termin herzustellen sind. Im Handel entspricht der Primärbedarf schlicht dem geplanten Verkauf der Handelsware. Er ist der Startpunkt, an dem die Materialplanung ansetzt, um daraus den Bedarf an Komponenten, Rohstoffen und Hilfsmitteln zu berechnen.
Auf einen Blick
- Bedarf an verkaufsfähigen Erzeugnissen: Endprodukte, Handelswaren, verkäufliche Ersatzteile
- Bezieht sich auf einen konkreten Planungszeitraum (Periode)
- Quellen: vorliegende Kundenaufträge und Absatzprognose
- Ausgangspunkt der Bedarfsermittlung – vor Sekundär- und Tertiärbedarf
- In der Fertigung als Produktionsprogramm formuliert, im Handel als geplanter Absatz
Was ist Primärbedarf genau?
In der betriebswirtschaftlichen Bedarfsermittlung wird der Gesamtbedarf eines Unternehmens nach seiner Herkunft in drei Stufen gegliedert: Primär-, Sekundär- und Tertiärbedarf. Der Primärbedarf steht an der Spitze dieser Kette. Er umfasst ausschließlich die marktbestimmten Güter – jene Erzeugnisse, die verkauft werden sollen. Dazu zählen fertige Endprodukte, im Handel eingekaufte und weiterverkaufte Handelswaren sowie Baugruppen und Teile, die als Ersatzteil separat an Kunden abgesetzt werden.
Charakteristisch für den Primärbedarf ist, dass er nicht aus internen Rechenschritten abgeleitet, sondern von außen vorgegeben wird: durch den Markt. Er ist damit eine Eingangsgröße der Planung und keine Rechengröße. Erst wenn der Primärbedarf feststeht – als Summe aus festen Aufträgen und prognostiziertem Absatz je Periode –, kann das Unternehmen bestimmen, welche Vormaterialien und Ressourcen es dafür benötigt. Deshalb bezeichnet man den Primärbedarf auch als bedarfsauslösend: Er stößt die gesamte nachgelagerte Beschaffungs- und Produktionsplanung an.
Bruttoprimärbedarf und Nettoprimärbedarf
Wie bei anderen Bedarfsarten unterscheidet man auch beim Primärbedarf zwischen brutto und netto. Der Bruttoprimärbedarf ist die geplante Absatzmenge ohne Berücksichtigung vorhandener Bestände. Der Nettoprimärbedarf ergibt sich, indem man vom Bruttobedarf die verfügbaren Lagerbestände an Fertigerzeugnissen sowie bereits bestehende Zugänge abzieht. Nur der Nettoprimärbedarf löst tatsächlich Produktions- oder Beschaffungsaktivität aus – für den Teil, der schon auf Lager liegt, muss nichts unternommen werden.
Wie entsteht der Primärbedarf?
Der Primärbedarf wird in einem Produktionsprogramm oder Absatzplan zusammengeführt. Grundlage sind zwei Datenströme. Zum einen die kundenauftragsbezogene Nachfrage: verbindliche Bestellungen mit fixierter Menge und Liefertermin, die direkt in den Primärbedarf einfließen. Zum anderen die prognosebasierte Nachfrage aus dem Forecast, der aus historischen Absatzzahlen, Saisonverläufen und Markterwartungen abgeleitet wird. Je nach Geschäftsmodell überwiegt die eine oder andere Quelle: Auftragsfertiger planen stärker auftragsgetrieben, Lager- und Serienfertiger stärker prognosegetrieben.
Aus dem so ermittelten Primärbedarf wird über die Stücklistenauflösung der Sekundärbedarf berechnet – der Bedarf an Baugruppen, Einzelteilen und Rohstoffen, die zur Herstellung der Endprodukte nötig sind. Ein Endprodukt mit einem Primärbedarf von 500 Stück und einer Stückliste, die je Erzeugnis zwei Gehäuse und vier Schrauben vorsieht, erzeugt einen Sekundärbedarf von 1.000 Gehäusen und 2.000 Schrauben. Der Tertiärbedarf schließlich umfasst Hilfs- und Betriebsstoffe wie Schmiermittel oder Verpackung, die sich nicht direkt aus der Stückliste ergeben. So arbeitet sich die Planung Stufe für Stufe vom Markt bis zur Beschaffung durch.
Abgrenzung: Primär-, Sekundär- und Tertiärbedarf
Die drei Bedarfsarten unterscheiden sich nach ihrer Herkunft und ihrer Stellung in der Planungskette. Der Primärbedarf ist marktbestimmt und betrifft verkaufsfähige Erzeugnisse; er wird von außen vorgegeben. Der Sekundärbedarf ist abgeleitet: Er entsteht rechnerisch aus dem Primärbedarf über die Stücklistenauflösung und umfasst die Bestandteile der Enderzeugnisse. Der Tertiärbedarf betrifft Hilfs- und Betriebsstoffe, die für die Leistungserstellung gebraucht, aber nicht Bestandteil des Produkts werden.
Wichtig ist die saubere Trennung, weil sie über die Planungslogik entscheidet. Primärbedarf wird geplant und prognostiziert, Sekundärbedarf wird berechnet. Ein und derselbe Artikel kann dabei mehrere Rollen tragen: Eine Baugruppe, die in ein Endprodukt eingeht, ist Sekundärbedarf – wird dieselbe Baugruppe zusätzlich als Ersatzteil verkauft, entsteht für diesen Anteil ein Primärbedarf. ERP-Systeme müssen solche Doppelrollen korrekt auseinanderhalten, damit weder zu viel noch zu wenig disponiert wird.
Primärbedarf im ERP-System
In ERP- und PPS-Systemen ist der Primärbedarf der Einstiegspunkt der Materialbedarfsplanung (MRP). Er wird als Bedarfsverursacher erfasst – entweder automatisch aus eingehenden Kundenaufträgen oder manuell bzw. importiert als Planprimärbedarf aus der Absatzplanung. Das System hält den Primärbedarf typischerweise in einem Produktionsprogramm oder einer Bedarfsvorschau je Artikel und Periode. Auf dieser Grundlage startet der MRP-Lauf: Er löst die Stücklisten auf, errechnet den Nettobedarf je Materialebene und erzeugt Fertigungsaufträge sowie Bestellvorschläge.
Die Qualität dieser Planung steht und fällt mit dem Primärbedarf. Ist er zu hoch angesetzt, werden Kapital, Material und Kapazität unnötig gebunden; ist er zu niedrig, drohen Fehlmengen und verpasste Aufträge. Deshalb pflegen Unternehmen den Planprimärbedarf laufend fort und verrechnen ihn mit tatsächlich eingehenden Aufträgen, damit Prognose und reale Nachfrage nicht doppelt zählen. Über die Verknüpfung von Primärbedarf, Stücklisten, Materialstamm und Kapazitätsplanung entsteht so ein durchgängiger Planungsstrang vom erwarteten Verkauf bis zur konkreten Bestellung beim Lieferanten.
Kundenauftrag versus Planprimärbedarf
ERP-Systeme trennen den Primärbedarf üblicherweise in kundenauftragsbezogenen und planbasierten Bedarf. Der Kundenauftrag ist ein verbindlicher, terminierter Bedarf mit hoher Sicherheit. Der Planprimärbedarf ist der prognostizierte, noch unbestätigte Absatz, mit dem vorausschauend disponiert wird, um Wiederbeschaffungszeiten abzudecken. Damit beide zusammen nicht die Nachfrage überzeichnen, wird der Planprimärbedarf beim Eingang echter Aufträge schrittweise abgebaut – die sogenannte Bedarfsverrechnung. Sie sorgt dafür, dass Prognose und Auftrag nicht kumuliert in die Beschaffung durchschlagen.
Praxisbeispiel
Beispiel: Hersteller von Gartenmöbeln
Ein mittelständischer Hersteller von Gartenmöbeln plant für den Frühling die Serie einer Loungegarnitur. Aus verbindlichen Vorbestellungen des Fachhandels liegen 800 Garnituren fest vor, aus der Absatzprognose für Direktkunden werden zusätzlich 1.200 Stück erwartet. Der Primärbedarf für die kommende Saison beträgt damit 2.000 Garnituren – 800 auftragsbezogen, 1.200 als Planprimärbedarf. Vom Lager sind noch 300 fertige Garnituren aus dem Vorjahr verfügbar, sodass der Nettoprimärbedarf bei 1.700 Stück liegt.
Auf Basis dieser 1.700 Garnituren löst das ERP die Stücklisten auf und ermittelt den Sekundärbedarf: Aluminiumrahmen, Polster, Bezugsstoff und Schrauben in den jeweiligen Mengen. Daraus entstehen automatisch Fertigungsaufträge für die eigene Produktion und Bestellvorschläge für die zugekauften Teile, jeweils rückwärts terminiert über die Wiederbeschaffungszeit. Gehen im Saisonverlauf weitere echte Kundenaufträge ein, verrechnet das System diese gegen den Planprimärbedarf, damit nicht doppelt geplant und beschafft wird.
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